Patrik Schneider, Achern

 

 

Gedanken zum Schulabschluss
 „Zeugnistag: Ein denk-würdiger Tag“

 

 

(Abschlussfeier und Zeugnisübergabe 19.6.2008)

 

 

Heute ist ein denkwürdiger Tag – nicht nur wegen des Viertelfinales in der EM. Dort gibt es Helden. Doch heute in dieser Stunde seid ihr, die geprüften Schüler,  die Helden – unsere Helden. Mit uns meine ich Eltern, Ausbilder und Lehrer: Helden in unserem Alltag. „Denkwürdig“ – das möchte ich mit Euch kurz durchbuchstabieren und durchdenken: 

 

1) Die demokratische Gesellschaft setzt denkende Bürger voraus: Das Meta - Lernfeld

Demokratie ist die einzige uns bekannte Gesellschaftsform, die davon lebt, dass ihre Mitglieder denken können und – ja sogar müssen. Andere Gesellschaftsformen wollen den blinden und unkritischen Gehorsam gegenüber dem staatlichen Souverän: Entweder wird staatliche Gewalt mit religiöser Ideologie (Die Macht wird von einer göttlichen Macht bestellt und eingesetzt) oder von einem absolutistischen Herrschaftsanspruch (z.B. Gewaltdiktatur) begründet. Nur die Demokratie geht davon aus, dass die Mitglieder selbst den Souverän bestimmen und vor allem kontrollieren. Deshalb setzt die demokratische Grundordnung die Fähigkeit zum kritischen (Mit-)Denken und Entscheiden voraus. Schule ist der ort, an dem dies gelernt wird. „Wage es, deinen Verstand zu gebrauchen“ (Kant) – das kann als Meta-Lernfeld schulischer Allgemein- und Berufsbildung als Meta-Zielareal benannt werden.  Auch Betriebe setzen denkende Mitarbeiter voraus: In den letzten zwanzig Jahren haben Betriebe gelernt, dass ein mechanistisches Menschenbild (der Mensch als verlängertes Werkzeug von Maschinen als Leitbild ausgedient hat).

 

 

2) Das schulische Abschlusszeugnis ist Be-zeugung, dass junge Erwachsenen Demokraten geworden sind - und damit auch denken gelernt haben:

Schule ist mehr als ein technischer Ort, an dem junge Menschen sich Wissen und Fertigkeiten aneignen. Die Schule ist vor allem ein Ort, an dem junge Menschen Demokratie und westlich - aufgeklärte Kultur kennen lernen und einüben. 13 Jahre gibt die Gesellschaft den Schülern Zeit, in die demokratische Kultur hinein zu wachsen. Heute, am letzten Tag dieser Schulzeit, wird Schülern bezeugt, dass sie Demokraten und Denker geworden sind.

 

 

ð        Deshalb ist die Übergabe des staatlichen Schulabschlusses tatsächlich ein denk-würdiger Tag, den es zu feiern gilt. Ein wichtiger Wegabschnitt geht für die jungen Menschen zu ende. Wir alle, Ausbilder, Lehrer, Eltern, Vertreter von Kammern und Industrie bestätigen und bezeugen: Ihr seid vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft – mit allen Rechten und Pflichten!!

 

 

3) Drei Wünsche an Euch

 

Nachdenken - Erster Wunsch: denkt gerne an die Schule zurück, denn das Recht auf Bildung ist nicht selbstverständlich:

13 Jahre Schule ist eine lange Zeit – für viele Jugendliche ist Schule eine lästige Pflicht. Halten wir kurz ein: In vielen Ländern ist die Schulpflicht noch kein Recht. Kinder müssen arbeiten, produktiv sein. Sie sind billige Arbeitsware, die bsp. Teppiche knüpfen oder Turnschuhe herstellen. Die Schulpflicht ist in aufgeklärten Staaten erstmal ein SCHUTZRECHT für die jungen Mitglieder. Ein Dienstrecht an der kommenden Generation. Kinderarbeit ist in unserer Kultur nicht erlaubt – und das ist gut und richtig. Lesen, Schreiben, Allgemein- und Berufsbildung gehören zu den Grundrechten, die so selbstverständlich sind, dass wir sie eher als lästige Pflicht und nicht als Wert ansehen. Deshalb ist es vielleicht besser nicht von Schulpflicht, sondern von Bildungsrecht zu sprechen. In diesem Sinne wünschen wir den Abgängern, dass sie ihre Schulzeit auch – mit etwas Abstand – als Geschenk begreifen können. Nachdenken heißt auch, aus den Erfahrungen vergangener Generationen zu lernen, an ihnen teilzuhaben, alles zu prüfen, das Gute zu bewahren und das Schlechte und Böse verhindern zu können. Vor nicht mal 100 Jahren forderten Lehrer ihre Schulabgänger auf, für das Vaterland in den Krieg zu ziehen. Die Kenntnis geschichtlicher Erfahrungen macht ein - wenig zumindest - demütig und zeigt auch, wie wichtig es ist, demokratische Grundrechte und -werte zu schützen und zu bewahren. Heute haben wir Frieden in Europa – und den muss eure Generation bewahren lernen. Das geht nur, wenn ihr eure rechte als mündige Bürger auch wahrnehmt.

 

Mitdenken – zweiter Wunsch: Bleibt mündig und benutzt euren Verstand:

Unsere Gesellschaft setzt den mündigen Bürger als Idealbild voraus. Mündig ist uns ein fremdes, veraltetes Wort. Schauen wir genauer hin, heißt ´mündig`, den Mund, den ort, an dem Sprache entsteht, nutzen zu können. Kommunikation ist das Ideal – Vernunft bleibt nicht nur in uns, sondern teilt sic h mit – verständiger Dialog zwischen Menschen. Schule ist der Ort gewesen, an dem junge Menschen kommunizieren, Rahmenordnungen und die Werte der Kultur kennen lernen – und sie einüben. Schule ist mehr als Ort der theoretischen Lernens gewesen. Schule ist der Ort gewesen, an dem junge Menschen demokratische Kultur einüben konnten. Und wir Lehrer hoffen und bezeugen auch, dass ihr die Grundregeln kennt und anwenden könnt. Mit - denken, kommunizieren, den Mund aufmachen, hören: wir wünschen euch, dass ihr diese Meta - Lernfelder in eurem weiteren Lebens- und Berufsweg anwenden könnt. Der heutige Tag bezeugt, dass ihr geschulte Mitglieder seid, die  mündig sind.  

 

Vordenken – dritter Wunsch: Verlernt nicht zu denken, wir brauchen euch als Zukunft: Die kommende Generation steht – wie jede Generation – vor riesigen neuen Aufgaben: Wie können die Eltern und Großeltern im Alter mit Anstand ihr Alter leben, wie kann das Pflege- und Krankheitssystem mit immer weniger aktiven Menschen gesichert werden? Wie gehen wir andererseits um mit der sich abzeichnenden Überbevölkerung. 9Neun Milliarden hält nach Berechnungen unser Planet nicht mehr aus. Wie wird sich in 30 Jahren unser Klima verändert haben? Da braucht es Vordenker, kreative und anpackende Demokraten, die mit der Haltung von Zivilcourage solche Aufgaben angehen. Wir hoffen, dass ihr durch eure Schulzeit das RÜSTZEUG dazu bekommen habt. Lernen hört nie auf, Lernen tun wir lebenslang. Wir wünschen euch, dass ihr in eurer Schulzeit Freude, Spaß und auch Kompetenz erwerben konntet, selbstständig zu lernen, zu sehen, zu urteilen und dann auch zu handeln.

 

4) Feste sind etwas wichtiges im Leben von mündigen Menschen. Wir sind nicht nur Arbeiter, Schüler, Lehrer, Meister, Leistungsträger, sondern auch eine Gemeinschaft von Menschen, die Kraft tanken durch die Gemeinschaft und die Geselligkeit: Heute feiern wir euch: Junge Menschen, denen wir bezeugen, dass sie mündig sind! Ein schöner Grund.

 

Feste erinnern an Geschichte und haben einen Erinnerungswert: wir denken über ein Ereignis in der Geschichte nach – heute über eure vergangene Schulzeit. Und wir feiern zusammen, weil wir gerne kommunizieren – ein Kennzeichen von mündig sein. Schließlich fließt die gegenwärtig gewordenen Erinnerung in die Zukunft ein – wir bewältigen sie besser, wenn wir auch wirklich feiern können.  

 

Lasst Euch heute als Helden feiern – Ihr habt es verdient

 

 

 

 

Euch alles Gute für die Zukunft!

 

 

Patrik Schneider

Dipl. Theologe

Religionslehrer