Badische Zeitung Freiburg, Ausgabe vom 15. Februar 2006, Pascal Cames

Vom Himmel erzählen und von der Arbeit
BZ-PORTRÄT: Der Pastoralreferent Patrik Schneider kennt sich in Unternehmen aus
Patrik Schneider (FOTO: P. CAMES) 
ACHERN. KAB, DGB, IGM, SPD — was sich wie ein Auszug aus einem Song der “Fantastischen Vier” liest, ist die unvollständige Liste all der Organisationen, in denen der 45-jährige Patrik Schneider Mitglied ist. Der zweifache Familienvater aus Achern gehört der römisch-katholischen Kirche an, aber auch der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der Industriegewerkschaft Metall (IGM) und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

Von Beruf ist Schneider Pastoralreferent. Was ihn in dieser Aufgabe umtreibt, ist die menschliche Fürsorge, die Hilfe für andere. In seinem ersten und bisher einzigen Buch “Reich mir doch mal den Himmel” beschreibt er Seelsorge als den Versuch, “den Menschen die Vision des Himmels näher zu bringen” . Doch wie kann man den Menschen heutzutage etwas vom Himmel erzählen? Das gehe schon, sagt Schneider, man müsse sich dafür aber dorthin begeben, wo die Menschen sind. Schneider versteht deshalb sein seelsorgerisches Amt als Dienstleistung. Kommt ihm dann der Gesprächspartner auch noch mit Vorurteilen wie “Schwarzrock” — um so besser, denn so etwas spornt Schneider nur an.

Patrik Schneider stammt aus Karlsruhe, hat in Freiburg Theologie studiert und in Singen und Böblingen gearbeitet. Derzeit unterrichtet er Religion in Gaggenau. Seine kernige Art kommt an. Er hat Humor; kleine Lachfalten um die Augen künden davon. Der Satz “Ich bin ein geborener Badener und ein gelernter Schwabe” gehört zu seinen Bausteinen.




Der Bindestrich zwischen

Baden und Württemberg




Ein andermal sagt er von sich, er wisse, wie sich “der Bindestrich zwischen Baden und Württemberg fühlt” . Aber sein Bindestrich-Gefühl hat noch eine zweite Ebene. Als Seelsorger arbeitet er im Spannungsfeld zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Für die einen geht es beim Thema Beruf um die Ernährung der Familie, die Ausbildung der Kinder und das Abbezahlen des Eigenheims, kurz um die Lebensgrundlagen. Die andere Seite betrachtet manchmal die Beschäftigten nur als Kostenfaktor. Schneiders Position in diesem Spannungsfeld ist eindeutig: Er setzt sich für die kleinen Leute ein. Doch mit den großen Leuten, den Firmenchefs, muss er auch auskommen, will er seine Ziele erreichen.

In der Daimler-Stadt Böblingen war er Seelsorger (“Arbeiterpfarrer” ) und zog einmal im Jahr für sechs Wochen den blauen Anton an und schaffte als ungelernter Arbeiter am Band. Diese Erlebnisse verarbeitete er in seinem Buch. In Stuttgart half er, ein Mobbing-Telefon aufzubauen, und bei Betriebsvereinbarung von Daimler-Chrysler zum Thema “Fairer Umgang” stand er beratend zur Seite. “Es gibt keinen Betrieb ohne Konflikte” sagt er. “Man kann es zwar so darstellen, aber es entspricht nicht der Realität.”

Schneider meint damit nicht die normalen Konflikte, die mal hochkochen. Ihm geht es vielmehr um das, was man landläufig unter “Mobbing” versteht: Den anderen am Arbeitsplatz mehr oder weniger subtil fertig machen. Aber er nennt es nicht gerne Mobbing, weil das zu sehr nach Boulevardzeitung klingt. Er spricht lieber positiv vom fairen Umgang miteinander. Häufig hält er Vorträge zu diesem Thema; denn es brennt nicht allein ihm auf den Nägeln.

Seit drei Jahren arbeitet Schneider nicht mehr an vorderster Front. Heute unterrichtet er Religion an der Berufsschule in Gaggenau. Auch als Lehrer hat er genug zu tun: Im Fach Religion gebe es “die Abstimmung mit den Füßen” — wem der Unterricht nicht gefalle, der gehe.

Als Lehrer hat er aber mehr Zeit für sich und seine Hobbys: Joggen, Schreiben, Kultur — und helfen. Dazu gehört wieder das Engagement für ein Mobbingtelefon, das seit Ende Januar in Gaggenau eingerichtet ist.
Pascal Cames
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